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Der Heilige Martin – Zum Martinstag am 11. November

10. November 2016

Dieser Artikel erschien diese Woche auch im Kraichtalboten.

„Vor lauter, lauter“ wie man bei uns so schee im Dialekt sagt, habe ich vergessen, meinen aktuellen Artikel hier einzufügen. Morgen ist Sankt Martin und für mich war das ein Grund, mich mal näher mit dem Heiligen zu befassen. Ich bin zwar Ex-Katholik, weiß aber (ich glaube, das habe ich bereits irgendwo geschrieben?!) um die Wichtigkeit für die Europäische Geschichte und trenne da auch spirituelles von historischem. Außerdem heißt mein Mann auch Martin 😉 Hier der Artikel:

Sankt Martin, der römische Soldat, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte, ist in die Geschichte eingegangen als Symbol für Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Am 11. November gedenken sowohl die katholische, als auch die evangelische Kirche dem Heiligen. In Kraichtal gibt es zwei St. Martins-Kirchen, die evangelische in Gochsheim und die katholische in Landshausen. Dort fand Ende Oktober die Eröffnung eines Teilstücks der Via Sancti Martini, des Martinuspilgerwegs, mit hohem geistlichen Besuch statt. Ein Grund mehr, einen Blick auf diesen außergewöhnlichen Heiligen zu werfen.

St. Martin, Bemalung des Westgiebels der Kirche der Erzabtei St. Martin zu Beuron, 1899/1900. Foto: Wikimedia Commons/Enslin (CC BY 2.5)
St. Martin, Bemalung des Westgiebels der Kirche der Erzabtei St. Martin zu Beuron, 1899/1900. Foto: Wikimedia Commons/Enslin (CC BY 2.5)

Via Sancti Martini

Der Martinuspilgerweg „Via Sancti Martini“ umfasst insgesamt über 2500 Kilometer und führt auch an Kraichtal vorbei. Der Weg beginnt in Szombathely, der Geburtsstadt des Heiligen Martin in Ungarn, und verläuft durch Diözesen in Österreich, Deutschland, Luxemburg, Belgien und Frankreich bis nach Tours, wo er im 4. Jahrhundert als Bischof wirkte. Am 26. Oktober wurde das hiesige Teilstück des Pilgerweges feierlich im Beisein von Erzbischof Stephan Burger aus Freiburg, Bischof Gebhard Fürst aus Rottenburg-Stuttgart Erzbischof Nikola Eterovic, apostolischer Nuntius in Deutschland, sowie Ortspfarrer Dekan Wolfram Stockinger und Thomas Hafner, dem Dekan des Nachbardekanates Kraichgau, eröffnet. Auch Kinder mit Laternen waren gekommen, um mit den Bischöfen gemeinsam in die kleine Martinskirche in Landshausen einzuziehen, wo anschließend ein Gottesdienst gefeiert wurde.

Weitere Infos auf der Website der Seelsorgeeinheit Kraichtal-Elsenz »

Traditionen zum Martinstag

Traditionell ziehen am Abend des 11. November Kinder mit Laternen durch die Straßen und singen Lieder. Oftmals findet noch ein Schauspiel statt, in dem die Geschichte von Sankt Martin und dem Bettler aufgezeigt wird, dann gibt es Hefegebäck in Form einer Martinsgans. Es gibt noch einige andere Bräuche zum Martinstag, zum Beispiel ziehen in manchen Gegenden Deutschlands die Kinder von Haus zu Haus und sammeln Nüsse und Gebäck, was an den Halloweenbrauch erinnert, das irische Fest, das nach Amerika gebracht wurde und von dort wieder nach Europa herüber geschwappt ist. Dies wurde am 31. Oktober gefeiert, eine Nacht vor Allerheiligen. Dieser Tag ist in Europa der Reformationstag, an dem Martin Luther, ebenfalls ein berühmter Martin und unentbehrlich für die europäische Geschichte, anno 1517 seine 95 Thesen an das Portal der Kirche zu Wittenberg angebracht haben soll.

In der katholischen Kirche ist der Martinsumzug Teil der Lichtsymbolik, die am Allerseelentag, dem 2. November beginnt und über den Advent und Weihnachten bis Lichtmess am 2. Februar führt. Im Zuge des aktuell ausgerufenen Luther-Jahres wird der geneigte Leser noch viel zum Reformator erfahren, daher kehren wir zurück zu „unserem“ Martin, dem späteren Bischof von Tours.

Der Heilige

Um 317 im heutigen Ungarn in eine heidnische Familie geboren und christlich erzogen, musste er mit 15 Jahren in die römische Reiterabteilung in Gallien eintreten. Mit 18 Jahren wurde er von Hilarius, der später Bischof von Amiens wurde, getauft. Im Jahr 356 schied er aus dem Militärdienst aus, denn dieser widerspricht dem christlichen Glauben. Den Feldzug gegen die Germanen in der Nähe von Worms konnte er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. In der Vita Sancti Martini von Sulpicius Severus ist zu lesen, was Martin dem Kaiser geschrieben haben soll: „Bis heute habe ich dir gedient, Herr, jetzt will ich meinem Gott dienen und den Schwachen. Ich will nicht mehr länger kämpfen und töten. Hiermit gebe ich dir mein Schwert zurück. Wenn du meinst, ich sei ein Feigling, so will ich morgen ohne Waffen auf den Feind zugehen.“

Martin und der Bettler

Am Stadttor von Amiens geschah zuvor, was Martin schließlich berühmt machen sollte. Die Soldaten mussten zu jener Zeit ihre Ausrüstung, zu der auch die Mäntel gehörten, zum Teil selbst bezahlen. Insofern haben sie sich wohl mehrmals überlegt, die Ausrüstung zu zerstören. Doch so etwas kam dem barmherzigen Martin gar nicht erst in den Sinn. Selbstlos teilte er seinen Mantel mit einem armen Bettler, der in Lumpen gekleidet in der Eiseskälte am Wegesrand ausharrte und wohl auf ein kleines Almosen hoffte. Ohne zu zögern zerschnitt Martin seinen Mantel mit seinem Schwert und schenkte dem Bettler eine Hälfte des wärmenden Kleidungsstücks. In der darauffolgenden Nacht soll ihm dann Christus erschienen sein, bekleidet mit dem Mantelstück, das er dem Bettler gegeben hatte. So wusste Martin, dass Christus selbst ihn in Gestalt des Bettlers geprüft hatte.

Der Bischof von Portiers weihte ihn übrigens auch zum Exorzisten und so hatte er die Macht, Dämonen auszutreiben und die Menschen zu heilen, was er auch eifrig tat. Insofern trat Martin die Nachfolge Christi an, der ja genau dies von seinen Jüngern fordert: Kranke und Besessene zu heilen, ein bescheidenes Leben zu führen usw., was beim Volk natürlich nicht unbemerkt blieb, und so wünschten sich die Bürger von Tours den Ex-Soldaten als Bischof. Seine Fürsorge und Barmherzigkeit, sowie seine vollbrachten Wundertaten, beeindruckten das Volk nachhaltig. Einige Kleriker sahen das natürlich nicht gern, denn Bischof zu sein war, wie man heute sagen würde, ein prestigeträchtiger und gut bezahlter Job, deshalb waren auch andere hinter der Mitra her. Die Bischofswahl war ihm unangenehm und der Legende nach soll er sich in einem Stall versteckt haben. Doch das Schnattern von Gänsen verriet sein Versteck und somit soll der Brauch der Martinsgans entstanden sein. Eine andere Legende berichtet, dass sich einige Gänse in seine Predigt in der Kirche verirrt haben sollen und dort laut schnatterten, sodass man sie einfing und zu einer leckeren Mahlzeit verarbeitete.

Wappen von Landshausen
Wappen von Landshausen

Vorbild für viele

Seine asketische, nicht verschwenderische Lebensweise und seine Barmherzigkeit und Weitsicht machten Bischof Martin beim Volk außerordentlich beliebt. Im Jahr 375 gründete er eine Kolonie an der Loire nahe Tours. Hieraus entwickelte sich das Kloster Maursmünster bzw. Marmoutier und wurde zu einem bedeutenden religiösen Zentrum für die Mission in Gallien, dem sich auch viele  Adelige anschlossen. Seine Wundertaten, wie zum Beispiel die Heilung eines Leprakranken, wurden weit über die Region hinaus bekannt. Mit Hilfe seiner Mönche gründete er in seiner Diözese viele Landpfarreien und handelte sich immer wieder Ärger mit dem Klerus und sogar dem Kaiser Maximus in Trier (386 n. Chr.) ein. Die ganze Geschichte wiederzugeben, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Viele Legenden ranken sich um den bescheidenen Bischof, der nicht auf einer Kathedra, sondern auf einem einfachen Schemel Platz genommen haben soll. Außerdem soll er während einer Messe von Engeln bekleidet worden sein, ein totes Kind auferweckt haben und viele weitere Wunder vollbracht haben. Sculpicius Severus schreibt: „Martinus betete ohne Unterbrechung, auch wenn er anscheinend etwas anderes tat … In seinem Mund war nichts anderes als Christus, in seinem Herzen wohnten nur Güte, nur Friede, nur Erbarmen.“

Im Zuge der Christianisierung Germaniens breitete sich auch die Verehrung des Martin aus, sein Mantel wurde unter König Chlodwig I. nach seiner Heiligsprechung zur fränkischen Reichsreliquie erklärt und diese „cappa“ wurde sogar auf Feldzügen mitgeführt – sicherlich nicht in Martins Sinne, doch darüber sollen sich Theologen und Historiker streiten.

Wie auch immer man über die Verehrung  von Heiligen denken mag, Sankt Martin ist in jedem Fall gerade in der heutigen Zeit ein Vorbild nicht nur für Christen. Martin war übrigens der erste Nichtmärtyrer, der im Westen als Heiliger verehrt wurde.

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